Herr Huang in Deutschland - Ein Chinese auf Weltreise zum Kulturerbe.

von: Nubo Huang

Georg Olms Verlag AG, 2014

ISBN: 9783487421223 , 704 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 14,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Herr Huang in Deutschland - Ein Chinese auf Weltreise zum Kulturerbe.


 

29. August

Goodbye Peking

Heute ist der 29. August 2013, und mit diesem Tag beginnt meine große Reise im Namen der « Faces of Humanity »-Initiative. Mit der schönen Zijuan sitze ich also nun in der Wartehalle des Flughafens. Eine intensive wochenlange Vorbereitung, die insgesamt und einschließlich der Arbeit im Team sehr gut verlaufen ist, war diesem Projekt vorausgegangen. Klar, auch mental mussten wir uns darauf einstellen. Da dies für uns alle etwas ganz Neues ist, kann ich jetzt nur schwer absehen, wie sich in Zukunft alles entwickeln wird. Wenn man so will, ist meine Reise eine Art Spiel für mich – ein Spiel, bei dem ich als Vagabund die ganze Welt entdecken darf.

Vor ein paar Tagen habe ich einen Vortrag über die Kulturrevolution im Yabuli Unternehmer-Forum gehalten und musste mich anschließend mit den ziemlich hässlichen Kommentaren auseinandersetzen. Es scheint, als seien die Leute heutzutage nicht mehr fähig, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Andererseits neigen sie jedoch zu Schwarz-Weiß-Malerei. Es wird nur beschimpft und beleidigt, gerade so, als ob die Leute alle unter einem permanenten Krawall-Komplex leiden würden. Ich war geschockt darüber, dass sich manche Chinesen doch allen Ernstes wieder die Kulturrevolution herbeisehnen. Diese Idioten haben keine Ahnung, wovon sie da eigentlich reden und was das im Ernstfall überhaupt bedeuten würde.

Während der Kulturrevolution zählte ich zu den ganz Armen. Blind und naiv wie ich war, unterstützte ich die kapitalistischen Reihen. Jedoch nach Ende der Kulturrevolution kamen die Wegbereiter des Kapitalismus einer nach dem anderen wieder an die Macht und sorgten dafür, dass ihre Söhne und Töchter zu hohen Offiziellen mit saftigen Gehältern wurden. Nicht einer von ihnen blieb außen vor. Ja und wir, was wurde aus uns ? Wie damals wurden wir niedergeschlagen und vernichtet, bis schließlich eine nutzlose Generation aus uns wurde. Und deshalb sind die Volksmassen, die am Ende gar nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind, die Leidtragenden dieser Zeit.

Das Internet hat eine große Besonderheit: Hier hat man das Recht, frei nach Lust und Laune irgendwelche Leute zu beschimpfen – eigentlich ist das pures Gift. Denn sobald du Gefallen daran findest, deinem Frust in Form von boshaften Kommentaren Luft zu machen, hat sich bereits etwas in dir verändert. Du bist zu jemandem geworden, der die Welt von einem negativen und verbitterten Standpunkt aus betrachtet. In dir drin hat sich ein starkes Gefühl der Unzufriedenheit, der Unsicherheit breitgemacht, das dich immer unglücklicher werden lässt – du hast dich in einen Teufelskreis begeben.

Unsere Abreise heute Morgen verlief recht reibungslos, und das obwohl wir die Tage davor alle extrem beschäftigt und angespannt gewesen waren. Gestern haben wir zwar den ganzen Abend mit Kofferpacken verbracht, sind dabei aber dennoch einem fatalen Irrtum erlegen. Heute Morgen um sieben ging es los Richtung Flughafen. Bereits kurz nach der Abfahrt stellten wir fest, dass wir kein Kofferschloss mitgenommen hatten. Also mussten wir deswegen schon einmal warten. Ein regelrechter Kampf sollte dann aber noch am Flughafen folgen. Bei der Lufthansa fliege ich Erster Klasse und besitze auch eine Star-Alliance Platinum-Karte, weshalb es ursprünglich hieß, es seien vier Gepäckstücke à 32 Kilo erlaubt. Am Flughafen aber verlangten sie plötzlich, es dürften lediglich drei Gepäckstücke mit nur 32 Kilogramm insgesamt sein. Das alles führte natürlich zu einem heillosen Durcheinander. Für mich ist das als mangelhafte Arbeit zu bewerten. Ich als Unternehmer erwarte einfach eine gewisse Ordnung und Effizienz. Diese hohen Erwartungen stelle ich übrigens an jeden einzelnen Menschen, auch an mich selbst. Wenn der Chef eines Unternehmens keine wertvolle und effiziente Leistung bringt, dann wird das Unternehmen untergehen.

Auf der Website der Lufthansa wird ganz eindeutig gesagt, dass vier Gepäckstücke erlaubt sind, deren Gewicht 32 Kilogramm nicht übersteigen darf. Nirgendwo steht geschrieben, dass es sich dabei um das Gesamtgewicht der vier Gepäckstücke handelt. Wer nicht weiter darüber nachdenkt, wird diese Angaben nicht hinterfragen. Als Weltklasse-Fluggesellschaft hat die Lufthansa in dem Punkt also versagt. Auf einer Punkteskala von eins bis zehn hätten sie hierfür deshalb nur einen Punkt von mir bekommen. Der Service am Schalter wiederum war sehr zufriedenstellend. Die junge Chinesin kommunizierte kompetent, war sehr freundlich, zwischenmenschlich absolut fit und gab uns geduldig Anweisungen zur Gepäckaufgabe. Ich denke, hierfür kann man Lufthansa ruhig wieder ein paar Pluspunkte zurückgeben. Für diesen Service würde ich neun Punkte vergeben. Auf den Flugkomfort selbst und die Freundlichkeit der Crew an Bord werde noch mal zurückkommen, sobald ich in der Maschine sitze. In jedem Fall habe ich nach meiner Weltreise vor, Punkte an jede Fluggesellschaft zu vergeben, mit der ich geflogen bin. Dann wird sich am Ende ja zeigen, welche die beste und natürlich auch welche die schlechteste ist. Bleibt für mich nur zu hoffen, dass es keine chinesische sein wird.

Die Maschine A380 ist bereit zum Abflug. Es ist der Lufthansa-Flug L721 von Peking nach Frankfurt. Von dort aus geht es mit dem Flieger weiter nach Hamburg. Es ist das erste Projekt, bei dem eine Privatperson das Kulturerbe der ganzen Welt besuchen und erforschen wird. Und dieses Projekt wird von einem Chinesen, einem Dichter, einem Geschäftsmann, einem Bergsteiger durchgeführt. Ich weiß weder, was mich alles erwartet, noch was ich sehen und erfahren werde. Aber in jedem Fall weiß ich jetzt schon, dass ich mir so etwas früher nie hätte erträumen lassen. Aufgewachsen bin ich schließlich am Gelben Fluss, und selbst angesichts meiner schier unbezwingbaren kindlichen Fantasie lag für mich einfach alles, was über den Platz des Himmlischen Friedens hinausging, jenseits meines Vorstellungsvermögens. Ich dachte damals: Ja, der Platz des Himmlischen Friedens, das ist das Paradies der Menschheit, die Versinnbildlichung von Ruhm und Ehre.

Und nun werde ich die ganze Welt bereisen. Natürlich ist diese Möglichkeit ein interessantes Phänomen der heutigen Zeit, das als Folge des Eintritts Chinas in die Moderne beziehungsweise von Chinas Teilnahme an der Globalisierung zu sehen ist. Oder vor dem Hintergrund der Reform und Öffnung, alles spielt da mit rein. Wie auch immer, ich möchte mehr davon sehen, ich möchte meine Zeit ins Reisen investieren, ins « Mehr-Sehen ». Ich möchte kein einfaches und simples Leben und ich möchte nicht einfach und simpel leben – leben, nur um Geld auszugeben. Ich bin mir sicher, dass ich auf meiner Reise unvorstellbar viel sehen, hören und erleben werde. Als Chinese will ich endlich dem Drang nach Öffentlichkeit sowie dem Gewalt- und Krawall-Komplex der chinesischen Gesellschaft entkommen. Ich möchte hinausgehen, mir die Welt ansehen, erfahren, was auf dieser Welt gerade in Wahrheit alles geschieht, und Ärger um Kleinigkeiten und Stress hinter mir lassen. Ich habe es satt, ein engstirniger Chinese zu sein. Einen Versuch ist es wert: Ich möchte ein globaler Mensch sein. Gut, im Scherz könnte man auch behaupten, dass die wahren Kosmopoliten wohl die sind, die Heidegger damals als « Heimatlose » bezeichnete. Er hat recht, der Rhythmus unseres modernen Lebens macht uns mehr oder weniger zu Menschen ohne Heimat. Gehen wir nicht richtig mit den Folgen und Risiken der Moderne um, können wir uns ihrer Dynamik, ob positiv oder negativ, auf Dauer nicht mehr entziehen. Damit meine ich, dass die Moderne uns letzten Endes auf einen Pfad führen wird, auf dem die menschliche Gesellschaft, hat sie ihn erst einmal betreten, nicht mehr umkehren kann. Und genau davor warnt der britische Soziologe Anthony Giddens, wenn er von der Gefahr der Moderne spricht.

Sanft und leise erhebt sich die große Maschine A380 in die Lüfte. In der ersten Klasse sitzen nur zwei Personen, und der Service, der mich an Bord erwartet, ist hervorragend. Das Flugpersonal ist höflich, der Sitzkomfort nahezu perfekt. Alle Sitze sind neu und optimal angeordnet. Deshalb würde es für den Komfort an Bord ganze zehn Punkte geben. Kein Zweifel, hier spürt man, dass man in einer erstklassigen Maschine sitzt. Als wir uns über Peking erheben, denke ich bei mir: « Einer, der schon an den sieben höchsten Gipfeln der Welt gewesen ist, macht sich auf, um die ganze Welt zu sehen. »

Wenn ich das prächtige Peking so von oben betrachte, muss ich an die Zeit vor 37 Jahren zurückdenken, als ich mit meiner roten Steppdecke unterm Arm zum ersten Mal einen Fuß in die Stadt Peking setzte. Noch nie zuvor war ich in so einer riesigen Stadt gewesen, und sie hatte mir einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Unwillkürlich zog ich meinen Kopf tief zwischen die Schultern und meldete mich bei der Universität an. Die Studenten der Peking Universität, denen ich begegnete, waren damals alle Söhne und Töchter von Kadermitgliedern gewesen, die mich mit verächtlichen Blicken von oben bis unten musterten. Aber insgesamt waren sie alle ganz in Ordnung.

Zu jener Zeit war Peking sehr arm. Zucker gab es nur rationiert. Heute hingegen hat sich Peking zu einer internationalen Megametropole entwickelt, sodass eine A380 unbedingt Peking anfliegen muss, da unsere Hauptstadt inzwischen zu einem der Orte dieser Welt zählt, die man nicht mehr ignorieren kann. Denn erst wenn ein Land Fortschritte gemacht hat, kann sich auch der Einzelne weiterentwickeln, und erst wenn ein Volk zu Wohlstand gekommen ist, kann auch der Einzelne zu Wohlstand kommen.

Wir sind nun mittlerweile seit sieben Stunden unterwegs, ich habe zwischendurch ein wenig geschlafen....