Die Wanderheiler. Maya und die Kunst der Weltenwanderer

von: Markus Tiedemann

Georg Olms Verlag AG, 2015

ISBN: 9783487421605 , 198 Seiten

Format: ePUB, PDF

Kopierschutz: Wasserzeichen

Mac OSX,Windows PC für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Die Wanderheiler. Maya und die Kunst der Weltenwanderer


 

Unterwegs ins Schattenmoor

Unerschütterlich ratterte der alte Zug durch die Landschaft. Maya genoss diesen letzten Abschnitt der Fahrt immer sehr. Am Morgen war der Schnellzug mit atemberaubender Geschwindigkeit dahingebraust und hatte sie im Eiltempo von ihrer Heimatstadt in die nächste Großstadt verfrachtet. Dort hatte Maya über eine Stunde auf den Anschlusszug warten müssen. Die Werbeplakate, die Schnellimbisse, die Jugendlichen mit Knopf im Ohr, alles war genauso wie anderswo auch.

Auf der Suche nach Ablenkung war Maya an den großen Schaufenstern der Bahnhofsgeschäfte vorübergeschlendert. Da aber auch die Schaufensterauslagen nichts Neues zu bieten hatten, hatte sie damit begonnen, ihr eigenes Spiegelbild zu betrachten. Sie sah ein dürres Mädchen mit kaffeebrauner Haut, rotbraunen Locken, einem grünen T-Shirt und einer blauen Latzhose. Latzhosen waren in diesem Sommer der letzte Schrei an ihrer Schule. Was sie sah, gefiel Maya, aber die Langeweile ließ sich auf diese Weise nicht vertreiben. Alle Menschen waren in Eile, nur Mayas Zeit schien so langsam wie eine satte Raupe dahinzukriechen.

Endlich war Mayas Anschlusszug in den Bahnhof eingerollt. Mit schrillem Quietschen kamen die alten, rumpeligen Waggons zum Stehen. Kaum hatten sich die Wagenräder wieder in Bewegung gesetzt, schlug Mayas Stimmung um. Der Zug tuckerte langsam vor sich hin und hielt an jeder noch so kleinen Station. Genau das aber machte die Fahrt herrlich. Seit sie denken konnte, war Maya jedes Jahr diese Strecke gefahren. Sie kannte die kleinen Städte, die weiten Wiesen mit den mächtigen Eichen und es fiel ihr auf, wenn eines der windschiefen Häuser renoviert oder neu gedeckt worden war. In diesem Jahr aber fuhr Maya zum ersten Mal allein. Sie war vor kurzem dreizehn geworden und Mayas Mutter war der Meinung, ihre Tochter sei nun alt genug, um auch ohne Begleitung zu reisen. Auch würde Maya in diesem Jahr die vollen sechs Ferienwochen bei ihrer Großmutter verbringen. Ihre Mutter befand sich derweilen an Bord eines Forschungsschiffes irgendwo auf dem Atlantik. Sie würde das tun, was sie am besten konnte: tauchen und schreiben. Auch Fotos wollte sie schießen. Davon, wie große Netze den Meeresboden aufwühlen. Das, was sie schrieb, sollte eine Doktorarbeit werden. Die Fahrt auf dem Forschungsschiff war eine einmalige Gelegenheit. Dennoch fühlte sich Mayas Mutter anscheinend nicht wohl bei dem Gedanken, ihre Tochter so lange allein zu lassen.

Erst nach langem Zureden hatte Maya ihre Mutter davon überzeugen können, mit dem Forschungsschiff in See zu stechen. Was war denn schon dabei? Maya hatte schon Schlimmeres erlebt. Vor vier Monaten hatte sie ihre Mutter drei lange Tage zu einer Fachtagung begleiten müssen, auf der alte Männer endlose Vorträge hielten. Das war schrecklich! In Eichengrund, bei der Großmutter, hatte sie sogar eine Freundin – Annika. Mit Annika würden auch sechs Wochen nicht langweilig werden. Mayas Großmutter war eine sonderbare Frau. Fast alle alten Damen, die sie kannte, redeten viel, zu viel. Ihre Großmutter hingegen sprach oft tagelang nur das Nötigste. Am späten Abend oder am frühen Morgen verschwand sie manchmal in den Moorwiesen und kehrte erst viele Stunden später mit einem großem Bündel Kräuter zurück, die anschließend in einem eigenen Raum sorgfältig getrocknet wurden. Während der Nacht war es Maya streng verboten, diese Kräuterkammer zu betreten. Wenn die Leute aus dem Dorf die Alte fragten, was sie denn in ihrer Kräuterküche treibe, erhielten sie nur schroffe Antworten. Maya störte all dies wenig. Sie hatte mit den Jahren gelernt, auf den richtigen Augenblick zu warten. Wenn Maya nicht drängelte, kam ihre Großmutter meist ganz von allein, um ihr etwas zu zeigen. Oder sie kochte diesen unbeschreiblich guten Tee, nach dem sich Maya das ganze Jahr über sehnte, ließ sich im Garten unter der alten Trauerweide nieder und begann mit ihrer Enkelin zu plaudern. Die Leute der umliegenden Dörfer begegneten der Alten mit einer Mischung aus Respekt und Misstrauen. Einige schienen sich sogar vor ihr zu fürchten.

Selbst hier im Zug traf Maya auf Menschen, die ihre Großmutter kannten. Ein älterer Mann in Gummistiefeln und einer abgetragenen, graublauen Arbeitskutte hatte neben Maya Platz genommen. Er war klein und schmächtig, aber sein gebeugter Nacken und seine groben Hände mit den eingerissenen Nägeln verrieten, dass er sein Leben mit schwerer Feldarbeit verbracht hatte. Müde war der Mann jedoch keineswegs. Kaum hatte er einen kleinen Kartoffelsack zwischen seinen Beinen verstaut, wandte er sich Maya zu. Da sich die Leute in dieser Gegend kannten, fragte er Maya neugierig, ob sie ins Schattenmoor fahre, um jemanden zu besuchen. Als Maya das Ziel ihrer Reise verriet, machte der Mann eine respektvolle Pause.

»So, so, die alte Ursel ist also deine Großmutter, Donnerwetter! Na, bei dem schlimmen Fuß meiner Frau hat deine Großmutter ganz prima geholfen. Aber als ich mit meinem Haarausfall zu ihr gekommen bin, hat die Alte auf ganzer Linie versagt.« Grinsend schob er seine graue Mütze in den Nacken und entblößte sein fast kahles Haupt.

Maya lächelte. Wenn die Leute von der ›alten Ursel‹ oder einfach nur von ›der Alten‹ sprachen, hatten sie meist eine gute Meinung von ihrer Großmutter. Hin und wieder gab es aber auch andere Stimmen. Im letzten Jahr hatte Maya zwei Frauen beim Bäcker heimlich über die ›alte Hexe‹ tuscheln hören. Maya hatte den Vorfall verschwiegen und erst nach den Ferien ihrer Mutter davon berichtet.

»Hör nicht auf die Leute!«, hatte Mayas Mutter sie beruhigt. »Deine Großmutter ist eine Heilerin, Maya. Sie hat die Gabe, Menschen gesund zu machen. Wie, das weiß ich nicht. In Afrika, der Heimat meiner Familie, genießen Heiler ein hohes Ansehen, aber man tut gut daran, sie nicht nach ihren Geheimnissen zu fragen. Hier in Europa glauben die Menschen an Wissenschaft und die moderne Medizin. Erst wenn die Ärzte ihnen nicht mehr helfen können, gehen viele aus Verzweiflung zu den wenigen Heilern, die es noch gibt.«

Maya war damals sehr froh gewesen, ihre Mutter so reden zu hören. Auch mit ihrer Schwiegertochter sprach die alte Ursel nicht viel. Dennoch war nicht zu übersehen, dass die beiden Frauen einander schätzten. Dabei waren sich die beiden erst nach dem Tod von Mayas Vater zum ersten Mal begegnet. Auf den ersten Blick hätten die beiden Frauen kaum verschiedener sein können. Mayas Mutter war eine gesellige, sportliche farbige Frau mit gekräuseltem Haar und hoher Stirn. Die alte Ursel hingegen war eine Eigenbrötlerin, kleidete sich nachlässig und duldete nur wenige Menschen in ihrer Nähe. Maya fühlte sich mit beiden verbunden. Neben Lockenpracht und brauner Haut waren auch die Lebensfreude und die Neugier ihrer Mutter an Maya weitergegeben worden, und in der Sturheit ihrer Großmutter erkannte Maya jenen Dickkopf, der auch ihr selbst gelegentlich das Leben schwer machte.

Mit einem Ruck kam der Zug zum Stehen und auf einem verwitterten Schild stand zu lesen, was kurz zuvor durch den Lautsprecher genuschelt worden war: Eichengrund.

Maya warf ihren Rucksack auf den Bahnsteig und sprang aus dem Zug. Da war sie: die alte Ursel. Wie in jedem Jahr stand sie ein wenig abseits und wie immer hatte sie den Bollerwagen mitgebracht, um Mayas Rucksack zu transportieren. Ihr Körper war leicht nach vorn gebeugt. Kopftuch, Jacke und Rock waren abgenutzt und ausgeblichen. Das breite, wettergegerbte Gesicht mit der großen Nase war von tiefen Falten durchzogen, die bis in die Lippen und den Haaransatz reichten. Ihr Gesichtsausdruck war oft mürrisch und ihre Augen blickten trüb, fast gelangweilt. Aber das plötzliche Aufflackern von Neugier, Ärger oder List verriet, dass der Geist hinter diesen Augen niemals schlief.

Die alte Ursel winkte ihre Enkelin zu sich heran und begrüßte sie mit einer spröden Umarmung und einem kurzen Schulterklopfen.

»So, bist du also wieder da«, knatterte sie. »Gib mir mal deinen Rucksack. Den legen wir auf den Bollerwagen und nun hilf deiner alten Großmutter beim Ziehen! Wer weiß, was da alles drin ist. Wahrscheinlich ist der vollgestopft mit diesen Musikscheiben und Schminksachen. All so ein Blödsinn, ohne den ihr aufgescheuchten Stadthühner nicht auskommt.«

Jede Andere wäre über diesen Empfang bitter enttäuscht gewesen. Maya aber lächelte und zog mit ihrer Großmutter den Bollerwagen vom Bahnsteig. Hinter den alten, verrosteten Fahrradständern blieb die Alte plötzlich stehen. Nun war es Zeit für ein Ritual, auf das sich Maya während der gesamten Zugfahrt gefreut hatte. Die Großmutter stellte sich genau vor ihre Enkelin und nahm Mayas Gesicht zwischen ihre großen, rauen Hände. Ungeteilte Aufmerksamkeit leuchtete aus ihren Augen. Die Hände der Alten erzeugten eine Wärme, die über die Wangen und die Ohren in Mayas Körper drang. Der Wärmestrom sammelte sich hinter ihrer Stirn und als er an ihrer Nasenwurzel vorbei nach unten strömte,...